My Body Is Not Your Battlefield

Dieser Text ist ein Gastbeitrag von mara.

In der Debatte um die sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und den nun folgenden „Racheakten“ von selbsternannten Bürgerwehren überall in Deutschland finden sich Denkmuster, die Rassismus und Sexismus in Reinform miteinander verknüpfen – anschaulich visualisiert auf den Titelseiten der Süddeutschen Zeitung und des Focus.[1]

Diskursive und tätliche Kämpfe werden auf den Körpern von Frauen ausgetragen. Zunächst auf denen von weißen Frauen, die Stimmen und Körper von Frauen of Colour werden derzeit noch ausgeblendet, spielen aber deshalb keine geringere Rolle – vielmehr werden sie zu Projektionsfeldern zahlreicher rassistisch-sexistischer Stereotype und Topoi.

Die Verknüpfung von patriarchaler Gewalt (also solcher, die angewendet wird, um männliche Dominanz unter Beweis zu stellen und deren status quo zu wahren) und territorialen Kämpfen ist offensichtlich.

Es wird relativ wenig gefragt, wie Männer eigentlich auf die Idee kommen, über Körper zu verfügen, die nicht ihrer Männlichkeit entsprechen, und was sie damit bezwecken. Ich spreche nicht nur von weiblichen Körpern, da sich die Verfügungsgewalt über dieses vermeintliche (individuelle wie kollektive) Eigentum auch auf trans*geschlechtliche und intergeschlechtliche Menschen sowie bi- und homosexuelle Männer bezieht. Sexualisierte Gewalt gegenüber diesen Menschengruppen kann auch in Deutschland als „korrektive“ Handlung verstanden werden.

Der „andere“, nicht männlich-weiß-heteronormative Körper wird dabei auch als Territorium betrachtet. Dies wird deutlich, wenn Vergewaltigungen im Kontext von Kriegen stattfinden, besonders stark aber in den sexualisierten Metaphern für die kolonialen Aneignungen ab dem 15. Jahrhundert. Häufig finden sich Formulierungen, in denen die weißen „Entdecker“ in „unberührtes“ oder „jungfräuliches“ Gebiet „eindrangen“. Die kolonialisierten Gebiete werden metaphorisch mit dem Schwarzen weiblichen Körper in Verbindung gebracht.

Zum Zusammenhang von Kolonialismus, Rassismus und Sexismus liegen zahlreiche Publikationen vor, ich empfehle an dieser Stelle bell hooks‘ Aufsatz „Freiheit und Männlichkeit. Reflexionen über Rassismus und Sexismus“[2].

Wie stellt sich nun die aktuelle Situation dar, wenn man die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof und die Reaktionen darauf in den Kontext der kolonial geprägten deutschen Gesellschaft stellt?

Männer, die als nicht-weiß-deutsch identifiziert wurden, verletzten das „Territorium“ des weißen deutschen Mannes in Form von mutmaßlich weißen weiblichen Körpern. Dies wird im dominanten öffentlichen Diskurs als eine Art Kriegserklärung verstanden, untermauert mit ebensolchen Vokabeln wie „Invasion“ oder „Import“. Die ersten Forderung war nicht etwa der Schutz von Frauen* vor sexualisierter Gewalt, sondern die sofortige Abschiebung „krimineller Ausländer“. Die Steigerung dessen sind nun weiße Männer, die ihr „Gebiet“ verteidigen, indem sie auf Menschenjagd gehen, zu Gewalt gegen Migranten aufrufen, Asylbewerberheime anzünden etc.

Selten gehört werden die Stimmen der vermeintlichen oder tatsächlichen Opfer – warum auch, handelt es sich hier offensichtlich nicht um Subjekte, sondern um vermeintliches kollektives Eigentum der weiß-deutschen Gesellschaft.

Melden sich Frauen* zu Wort, wie bspw. die Verfasserinnen des #ausnahmslos[3], wird ihnen mit sexualisierter Gewalt gedroht – auch ein Beleg dafür, dass es den rassistischen selbsternannten Verteidiger*innen nicht um den Kampf gegen sexualisierte Gewalt geht, sondern darum, Frauen auf ihren Platz zu verweisen, nämlich den eines objektivierten Schlachtfeldes des weißen deutschen Mannes.[4]

Die sexualisierte Gewalt, die Frauen, Trans*- und Intergeschlechtliche Menschen of Colour in Deutschland erfahren, interessierte und interessiert in dieser Debatte nicht. Zu diesem Thema gäbe es weiterhin viel zu sagen, was ich an dieser Stelle jedoch nicht tun werde, da sich diese Erfahrungen meinem Horizont als weiße Frau entziehen. Klar ist jedoch, dass sich koloniale und sexistische Aneignungshandlungen hier einmal mehr steigern.

Meine Botschaft an alle Rassist*innen ist an dieser Stelle: Mein Körper ist nicht euer Schlachtfeld und ich bin nicht bereit, mich für sexistische und rassistische Machtdemonstrationen herzugeben.

Eine weitere ausführliche Analyse findet sich hier: http://www.identitaetskritik.de/sexualisierte-gewalt-weiss-deutsche-vorbildlichkeiten/

[1]Eine Analyse findet sich zum Beispiel hier: http://www.taz.de/!5267901/

[2]    In: hooks, bell: Sehnsucht und Widerstand. Kultur, Ethnie, Geschlecht, Orlanda Frauenverlag, 1996.

[3]http://ausnahmslos.org

[4]Vgl. https://pinkstinks.de/perlen-deutscher-rape-culture/

Autor: elbfem

elbfem ist ein feministisches Blog aus Hamburg.

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